Critiques

Der Stadlbauer | Kalin Terzijski | 5. April 2010
Der Roman „Stadlbauer” von Leonie Hodkevitch ist mit großer Aufmerksamkeit, Präzision in den Ausdrucksmitteln, sparsam und mit einer goldenen Sicherheit geschrieben. Der Stil ist angenehm unaufdringlich, sehr verfeinert und meisterhaft. In diesem Stil gibt es keine Pose und Prätention. Mit seiner Reinheit der Bilder erinnert er mich an die glänzende Stilistik von Agota Kristof in „Das große Heft”. Wenn ich den Roman mit einem Bild vergleichen würde, dann mit „Die Jäger im Schnee” von Pieter Bruegel dem Älteren vergleichen und mit dem „Stilleben mit Äpfeln Pfirsichen und Birnen” von Paul Cezanne.

Der ruhige Erzählton und die lyrische, luftige Stimmung, die Vibriationen der Luft in dem Kosmos der österreichischen Provinz sind wunderbar. Ich schätze die guten, maßvollen Stilisten, wie sie in der bulgarischen Literatur sehr selten vorkommen, da die meisten zeitgenössischen Autoren hauptsächlich fürchterlich originelle Geschichten zu erzählen trachten, ohne auf die Poetik und das reine, reduzierte Malen mit Worten achten.

Außerdem erweckt der Roman den Eindruck, in einer nicht völlig bestimmbaren, aber mächtigen „zentraleuropäischen Tradition der Ausdrucksmittel” geschrieben zu sein: Pastelltöne, leichte Wenden und eine weiche Distanziertheit. Ich habe gar nicht versucht, darin riesige Herausforderungen der Berichterstattung zu suchen. Mich interessiert vor allem der herrliche Pinselstrich des Wortes, und den habe ich im „Stadlbauer“ gefunden.

КаlinТеrzijski-Кajо

Die Frau, die die Sprache gewendet hat‘ | Bulgarisches Nationalradio, Silvia Choleva | Literatursendung vom 3. Oktober 2010

‚Sie geht den Bach stromaufwärts. Hier ein Stein, dort ein Stamm, hat sich quergelegt über den Bach als Damm. Die Wenderin geht den Bach entlang und wendet die Steine, schaut, was fehlt und was noch da ist, denn die Dinge sind ständig in Veränderung begriffen.‘ „Sie“, das ist eine Figur aus dem ersten Roman von Leonie Hodkevitch, der Schriftstellerin, die mit ihrem Roman die Steine im Strom der Literatur von unten zuoberst gewendet hat. Und hoffentlich wird man dann sehen, was drunter ist, was verschwunden und was erschienen ist.

Auf den ersten Blick kühl und akribisch genau, verfolgt der Roman die Erlebnisse eines jungen Paares, dem die Ehe bevorsteht, die Begegnung der Frau mit den Eltern ihres zukünftigen Mannes, mit dem Ort, an dem er geboren ist, und dessen Bewohnern, deren Schicksale und Geheimnisse, die die Frau in wenigen Tagen bei ihrem Aufenthalt dort erfährt, in der österreichischen Provinz. Die Geschichte endet hier, doch die Geschichten, die Leonie Hodkevitch erzählt, beginnen gerade da. Die Kühle verschwindet. Leidenschaft, an der Oberfläche unterdrückt, darunter tobend wie Frühjahrswasser, und Geheimnis begleiten jedes Kapitel des Buches, die äusserlich ruhigen und geradlinigen Menschen aus dieser Gegend der Birnbäume und des Mostes fesseln den Leser mit ihren Worten und Taten, die Geheimnisse bleiben im Verborgenen, bis ein unerwarteteter Tod sie an die Oberfläche spült, und der Namensgeber Stadlbauer ist der Nachbar der Eltern des Bräutigams, der zu Beginn und am Ende erscheint, doch mit seiner scheinbar zufälligen Rolle im Roman als ‚Entwicklerflüssigkeit’ dieses Films herhält. Denn dieser Roman agiert wie ein Film.

Alles, was uns umgibt, die einfachste Handlung, die wir verrichten, hat ihren tiefen Sinn in der ständigen Veränderung, die das Leben begleitet. Das, wovon die Autorin spricht, sind die Narben der verheilenden Wunden: der Frau und des Mannes, seiner Eltern, seines Freundes, seiner alten Liebschaft, des Standesbeamten, aller Bauern in diesem Ort. Ein besonderer Ort. Der geheimnisvolle Schatz ist kein Geheimnis, den wahren Schatz findet jemand, der ihn gar nicht sucht und sich damit grösste Probleme einhandelt. Die Mystik und Düsterkeit, die Leonie Hodkevitch so liebt, verzieht sich wie Nebel nach dem Regen, und plötzlich tritt die erbarmungslose Klarheit der Halbwahrheiten, Lügen und Unterlassungen hervor. Das, was wir sind, verdanken wir oder verschulden wir uns selbst. Das, wonach wir suchen, hat schon jemand anderer gefunden. Wir zählen bis zwölf, der Dinge sind aber elf. Hoffnung und Liebe kommen in Begleitung von Enttäuschung und Verrat.

Die Atmosphäre im Roman erinnert in betörender Weise an Hanekes ‚Das weisse Band’ – nicht der Ort, sondern die Beziehungen der Menschen untereinander ist das, was das Buch und den Film ähnlich macht. Ich möchte mich nicht in Vergleichen ergehen, die Ziele des Romans und des Films sind unterschiedlich. Doch es ist genau diese Atmosphäre der vorgegebenen Ehrenhaftigkeit, der nur scheinbar klar geregelten zwischenmenschlichen Beziehungen, der Unterdrückung der Leidenschaften und deren Umpolen in andere Richtungen, des sparsamen Sprechens/Schreibens und einer stark visuellen, schwarz-weissen Poetik, die im Stil von Leonie Hodkevitch enthalten sind – diese Eindrücke verliessen mich keinen Augenblick, während ich ‚Stadlbauer’ las. Und noch ein Vergleich, der sich ganz natürlich aufdrängte – mit Olga Tokarczuk und ‘Ur und andere Zeiten’ – die gleiche Arbeit am Stil, die Platzierung in einem kleinen, marginalen provinziellen Ort, in dem aber die Welt wohnt, denn die Protagonisten sind wie nirgendwo und überall, die Betrachtung des Menschen durch die Lupe, im Detail, die scheinbare Resistenz gegenüber Schmerz und Liebe, die Zerbrechlichkeit der Menschen.

Doch zurück zum Anfang, zur Frage, warum ist gerade Leonie Hodkevitch ‘die Frau, die die Sprache gewendet hat‘ ? Wegen des komprimierten Stils – mit wenigen und genauen Worten – ein perfekt ausgearbeiteter Stil, vordergründig kühl, jedoch mit einer riesigen Ladung Poesie und Metaphorik, die erreicht wird durch eine Sprache ohne Adjektiva und Vergleiche, auch wegen der Fähigkeit, ‚komplex’, jedoch in ‘einfacher’ Weise eine Geschichte zu erzählen, die in psychologische und philosophische Tiefen führt.

Was wendet sie denn? ‘Deswegen ist sie ja die Wenderin. Sie heilt Gebrechen, entfernt Warzen an Mensch und Tier, bei aufgehender Sonne und abnehmendem Mond, und sie kann auch das Schicksal wenden. Das ist allerdings das Schwierigste, das Schicksal zu wenden.’ Mit ‘Stadlbauer’ endet die Domestizierung der Sprache. Leonie Hodkevitch hat die Steine gewendet. Mal sehen, was darunter ist. Ich glaube an den Zauber dieses Buches, in aller Ruhe zu benennen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie zu sein scheinen, was nicht nur für das Leben gilt, sondern auch in der Literatur, die stets das Leben zu übertreffen sucht – deswegen sollte man dieses Buch lesen.

Silvia Choleva